Webbär – das kleine Webmagazin

29.Juli 2009

Wir wissen, dass wir nichts wissen

Filed under: Spiele, Wissen — Schlagwörter: , , — webbaer @ 04:55

chess_startpositionSo soll sich Sokrates ausgedrückt haben. Er hat es ein wenig anders gemeint, aber geblieben im allgemeinen Gedächtnis ist hauptsächlich das Wissen um das grundsätzliche Nichtwissen. Wenn wir uns Spiele anschauen, die keine Glücksspiele sind (wie bspw. Roulette und Lotto [1]) und keine Zufallskomponente besitzen (wie bspw. Poker, Mensch ärgere Dich nicht!  und Backgammon), also vielleicht Schach, dann stellen wir fest, dass wir nicht viel oder zumindest überraschend wenig über diese Spiele wissen.

Nebenan sehen Sie die Schach-Grundstellung. Zig Millionen von Partien wurden beginnend mit dieser Grundstellung gespielt, davon hunderttausende auf Großmeister-Niveau. Weiß gewinnt durchschnittlich ca. 54% der möglichen Punkte (Gewinn = 1 Punkt, Remis = 1/2 Punkt, Niederlage = 0 Punkte), insgesamt ist man auf Großmeister-Niveau der Ansicht, dass bei fehlerfreien Spiel eine Schachpartie Remis enden sollte. Die Spieler der Weltrangliste liegen demzufolge nahe beieinander und die Spielstärkeunterschiede sind marginal (was nicht immer so war, bspw. dominierten Robert Fischer, Anatoli Karpow und Gari Kasparow zeitweise ihre Gegnerschaft).

Viel wissen die Menschen allerdings nicht über dieses Spiel, selbstverständlich weiß ein Großmeister wesentlich mehr als ein Gelegenheitsspieler, hier kann sich der Leser einen Wissensunterschied in der Größenordnung „eine Million“ vorstellen, allerdings sind Großmeister mittlerweile jedem soliden Schachprogramm unterlegen, das bspw. auf einem guten Handy läuft (was der Schachszene aber keinen Abbruch tat, außer dass Manipulationsverdächtigungen regelmäßig entstanden und zu bearbeiten waren). Schachprogramme können teilweise auf absolutes Schachwissen zurückgreifen, Datenbanken stehen für die elementaren Endspiele bereit und die Logik der genauen Zugfolgen ist für den Menschen meist unverständlich. Grenzen der Datenhaltung treten allerdings schnell auf, da die Anzahl der möglichen Positionen Grössenordnungen [2] erreicht, die Rechner nicht verarbeiten können. Anders formuliert: Auch ein Rechner weiß nicht viel und ist von einem perfekten Spielverständnis in etwa so weit entfernt wie die Großmeister (die u.a. bessere strategische Kenntnisse haben).

chess_whomoveslosesKurzum, wir wissen (fast) nichts über das Schach, nicht einmal, ob die Grundstellung gewonnen oder remis oder verloren ist. Sie kann verloren sein, auch wenn das nicht intuitiv erscheint; schauen Sie bitte kurz nach links auf das Schachdiagramm, hier gilt: Wer am Zug ist verliert, da derjenige den eigenen Bauern aufgeben muss, der dann vom gegnerischen König geschlagen wird, und in der Folge wird der gegnerische König zusammen mit dem verbliebenen Bauern, dessen Umwandlung erzwungen wird, die Mattsetzung betreiben.

 chess_whomoveswinsAnders sieht es im Schachdiagramm aus, das rechts in den Text eingebettet ist, Weiß kann mit dem Zug „Läufer g1 nach d4“ matt setzen, Schwarz seinerzeit mit dem Zug „Läufer g8 nach d5“. Der Gewinn der Partie hängt hier davon ab, wer am Zug ist.

Selbstverständlich gibt es im Schach auch Positionen, die von keiner Seite – unabhängig vom Zugrecht – gewonnen werden können, bspw. ist die Schachposition mit nur zwei Königen (eine Partei darf auch einen Springer zusätzlich haben) für keine Seite gewinnbar.

Wir kommen auf die Frage nach dem Wissen zurück: Was wissen wir über die Grundstellung im Schach, somit über das Spiel an sich?

Wir wissen, dass – perfektes Spiel beider Seiten vorausgesetzt – entweder immer Weiß gewinnt oder immer Schwarz gewinnt oder die Partie immer Remis endet.
Nicht viel, aber besser als nichts, richtig? Die Determiniertheit bzgl. des Ergebnisses eines Spiels bei perfektem Spiel aller Spieler ist übrigens bei allen Spielen ohne Zufallskomponente gegeben.

PS: Die Schach-Diagramme wurden mit Hilfe von Arena erstellt.

 


[1] Lotto hat eine merkwürdige soziale Komponente und ist deshalb kein echtes Glücksspiel, was aber ein Thema für sich ist.
[2] Diese Angabe wurde vom Autor nicht geprüft: Der Wert scheint etwas groß, möglicherweise sind auch illegale Stellungen berücksichtigt.

2 Kommentare »

  1. wenn Sie sich für (Nicht)Wissen interessieren, ist dürfte http://www.das-letzte-tabu.de auch interessant für Sie sein🙂

    Kommentar von Dr. Thomas Glück — 9.November 2009 @ 13:33

    • Habe mal reingeschaut: Wirkt kompetent, was gerade bei diesem Thema recht selten und angenehm ist.
      Aber zu lyrisch…🙂

      Kommentar von webbaer — 9.November 2009 @ 16:53


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